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Heimarbeit am BZM

Erstellt von Südkurier, Stefanie Nosswitz | |   Portal
Sandra Narr, Gymnasiallehrerin, Englisch und Sport:

„Ich betreue zwei Englischklassen in der fünften und siebten Klasse"

Bei den Fünftklässlern bin ich auch Klassenlehrerin, so dass die Betreuung hier sehr engmaschig ist. Nachdem es in den ersten Tagen sehr viele Probleme mit der Lernplattform „Moodle“ gab, funktioniert dies nun mittlerweile.

Wir Lehrer haben uns teilweise wie im digitalen Steinzeitalter gefühlt. Dienst-Mails kamen nur verzögert an und Dateien haben wir versucht, nachts hochzuladen, weil dann der Traffic weniger war. Die Serverkapazitäten waren nicht ausreichend, was zu viel Unmut auf allen Seiten geführt hat. Auch bei der technischen Ausstattung waren wir auf uns alleine gestellt und die Unzufriedenheit war groß. Aufgrund dieser Hürden versuche ich, telefonischen Kontakt zu halten, gerade zu den Jüngeren.

Das finde ich sehr wichtig. Leider gibt es ja auch nicht in allen Familien ausreichend Endgeräte oder Drucker, darum haben wir viel in Eigenregie gemacht, Aufgabenblätter ausgedruckt und zur Abholung bereitgestellt. Gerade bei den jüngeren Kindern war eine große Verunsicherung zu spüren, sie vermissen die Schule und ihre Freunde. Da müssen die Eltern gerade Übermenschliches leisten.

Bei den älteren Schülern, die auf keine Abschlussprüfung zusteuern, machen sich einige rar, da erreichen wir auch nicht alle Jugendlichen. Dass keine Leistungsmessungen durchgeführt werden dürfen, finden nicht alle gut. Da hätte ich mir gewünscht, die Entscheidung den Lehrern zu überlassen, die die technischen Voraussetzungen und familiäre Situationen ihrer Klassen sehr gut kennen und sicherlich mit pädagogischem Augenmaß vorgegangen wären.

Von den Eltern bekommen wir ganz unterschiedliche Rückmeldungen zum Funktionieren des Homeschoolings, ich denke, das steht und fällt letztlich mit der Lehrkraft. Mir macht es Spaß, neue Dinge auszuprobieren und Tutorials zu erarbeiten und mich mit Kollegen auszutauschen. Es ist toll zu sehen, was viele da alles leisten. Ich drehe zum Beispiel Powerpoint-Präsentationen, mache Audio-Aufnahmen, schneide dies und stelle die Videos den Schülern zur Verfügung. Gerade verfließt das Private und Berufliche, da wir ja auch alle im Home-Office sind. Es ist ein ganz anderes Arbeiten, der soziale Austausch fehlt. Aber auf der anderen Seite genieße ich auch die Ruhe zuhause. Ich finde es ganz wichtig, dass Lehrer, Eltern und Schüler in einem engen Austausch sind und viel miteinander kommunizieren.“

Sabrina Speth: „Die direkte Kommunikation fällt fast komplett weg“

Sabrina Speth, Realschullehrerin, Deutsch und Geschichte: „Beide Seiten, Lehrer und Schüler haben in den vergangenen Tagen viel gelernt. Die Schüler haben lernen, selbst zu strukturieren und sich die Fächer und Lerneinheiten selbst einzuteilen. Hierzu ist Selbstdisziplin gefragt. Aber auch für uns Lehrer ist es eine neue Arbeitsweise. Die direkte Kommunikation, ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, fällt fast komplett weg und muss ersetzt werden, woran wir momentan ständig arbeiten. Die technischen Voraussetzungen der Schüler daheim sind sehr unterschiedlich. Aber hier bemühen sich wirklich alle Seiten nach Kräften, um die bestmöglichen Lösungen zu finden.

Die Absprache zwischen Lehrern, Eltern und Schülern funktioniert gut. Alle beweisen ein hohes Maß an Verständnis, Flexibilität und Geduld. Die meisten Schüler machen nach ein paar Startschwierigkeiten auch inzwischen wirklich super mit. Sie arbeiten strukturiert und diszipliniert an ihren Aufgaben. Je jünger die Schüler sind, desto geforderter sind wohl auch die Eltern.

Wir Lehrer bemühen uns, die Aufgaben so zu stellen, dass die Schüler sie selbstständig bewältigen können. Die Rückmeldungen zeigen, dass es uns überwiegend gelingt. Trotzdem: ohne Eltern geht es momentan nicht, das ist uns sehr wohl bewusst. Deshalb an dieser Stelle ein großer Dank an alle Eltern für die gute Zusammenarbeit. Wie es nach den Osterferien weitergeht, können wir momentan nicht sagen. Im Moment müssen wir aber leider alle Geduld beweisen...“

Kathi Otto: „Die Lehrer wurden ziemlich ins kalte Wasser geschmissen“

Kathi Otto, Gymnasiallehrerin, Deutsch, Sport und Medienbildung: „Ich glaube, dass wir uns nach anfänglichen Schwierigkeiten vor allem in Hinblick auf abstürzende Server, Anmeldeproblemen und ähnliches ganz gut mit der Situation arrangiert haben. Wir Lehrer müssen viel Zeit investieren, unseren Stoff so aufzubereiten, dass er online in Heimarbeit erledigt werden kann, die Schüler, die ja allgemein als „digital natives“ gelten, lernen nun, wie man Stoff, der als Datei, als Link oder sonstwie vorliegt, abruft, weiterbearbeitet und sich selbst aneignet.

Auch die Eltern lernen viel. Sicherlich ist es ein Problem, nicht von Angesicht zu Angesicht unterrichten zu können, da sich Schüler im Moment recht gut zurückziehen können. Jeder einzelne von uns kämpft natürlich im Moment damit, wie er seinen Stoff möglichst schmackhaft „an den Mann bringt“. Je nach Fach bietet sich das mehr oder weniger an. Aus meiner Sicht machen die Schüler bis auf wenige Ausnahmen prima mit – fast alle Schüler haben sich in den letzten Wochen in unserem „Moodle“ angemeldet und arbeiten dort in ihren virtuellen Klassenräumen.

Heutzutage hat ja fast jeder ein Smartphone, so dass der Zugriff auf das Internet zumindest auf diesem Weg gesichert ist. Dennoch fehlt uns allen natürlich der soziale Kontakt, den wir zwar ein wenig „nachstellen“, etwa durch Online-Chats, aber das ist leider doch ganz anders.

Gefordert sind im Moment natürlich vor allem Eltern von jüngeren Kindern – solchen, die noch nicht so viel Erfahrung im Umgang mit dem PC, Dateien und dem Internet haben. Gerade bei mehreren Kindern stellt sich natürlich auch das Problem der vorhandenen Endgeräte, die im Haushalt vorhanden sind und um die zum Teil hart gekämpft wird. Ein Smartphone reicht nämlich zur Bearbeitung vieler Aufgaben nicht unbedingt aus, allein schon, weil der Bildschirm so klein ist.

Einige Eltern stöhnen etwas über die unterschiedlichen Verteilungswege unserer Aufgaben – je nach Vorliebe, Unterrichtsstoff, Alter der Schüler, Klassengröße und technischen Möglichkeiten bieten wir als Kollegen den Stoff mitunter auf einem anderen Weg (Moodle, Webuntis, Mail) an. Insgesamt sind aber die Rückmeldungen zumindest bei mir recht positiv – die Eltern freuen sich, dass „machbarer Stoff“ angeboten wird. Wir Lehrer wurden natürlich ziemlich ins kalte Wasser geworfen und müssen jetzt sehen, wie wir durchhalten. Je nach Fach und Klassenstufe haben wir da mit völlig unterschiedlichen Problemen zu kämpfen.

Leider haben wir in Baden-Württemberg keine einheitliche Bildungsplattform, über die wir uns austauschen können, so dass jetzt jeder ein wenig vor sich „hinwurstelt“. Ich glaube, dass wir als Schule aber für uns hier bisher prima Lösungswege gefunden haben, die auch das Thema Datenschutz berücksichtigen, das vielerorts gerade stark vernachlässigt wird.

Ich glaube, dass im Moment keiner die Ferien so wie sonst als „Durchschnaufen vom stressigen Schulalltag“ sieht. Viele Kollegen nutzen die Zeit zur Fortbildung oder Einarbeitung in bestimmte Tools und stellen ihren Klassen weiterhin kleine Aufgaben zur Verfügung. Auch von Eltern und Schülern kam der Wunsch, das nicht zu stoppen, da es für ein wenig „Normalität“, Kontinuität und Rhythmisierung im Alltag sorgt.

Dennoch sollte man sich vor Augen halten, dass wir aus gutem Grund zu Hause bleiben müssen und die Kinder nicht überfordern – sie brauchen schon auch eine Art der „Pause“! Möglicherweise wird sich unser „Homeschooling-Projekt“ noch etwas hinziehen, dann sind wir bis dahin auf jeden Fall recht gut gewappnet! Ich wünsche aber mir sehr, dass unsere Abiturienten eine halbwegs annehmbare Prüfungszeit erleben – die armen hängen gerade doch sehr in der Luft.“

Philipp Müller: „Von den Schülern bekommen wir gute Rückmeldungen„

Philipp Müller, Realschullehrer, Mathe, Religion und Informatik: „Ich habe bereits vor sieben Jahren mit der Plattform „Infomentor“ angefangen zu arbeiten. Da wir an der Schule ein digitales Profil haben, waren und sind wir hier ganz gut aufgestellt. Ich bin der Hauptverantwortliche und bin mit meinen Kollegen im engen Austausch. Einige unserer Klassen haben schon über die digitale Plattform gearbeitet, denen kommt das nun zugute.

Wir haben direkt am Freitag, als die Schulschließungen bekannt waren, unsere Schul-Homepage aktualisiert und unter der Rubrik „Lernen“ bekommt jede Klasse ihre Lernaufträge, individuell vom Fachlehrer, eingepflegt. Pro Kalenderwoche werden hier Aufgaben eingestellt und die Schüler können uns die Lösungen per Mail zukommen lassen.

Es ist toll zu sehen, wie kreativ das von den Kollegen genutzt wird und wie sie ihre Schüler durch die Angebote des Internets navigieren. Leider erreichen wir nicht, mit allem was möglich ist, jeden Schüler. Wer eine schlechte Internetverbindung zuhause hat, der kann an einigen Sachen nicht teilnehmen. Aber dadurch darf kein Nachteil entstehen, daher ist es auch gut, dass keine Benotung stattfindet.

Von den Schülern bekommen wir gute Rückmeldungen. Schwierig wird es bei Familien mit mehreren Kindern, die unterschiedliche Schulen besuchen, da jede Schule ihre eigenen Kanäle bespielt. Was die Fülle der Lernaufträge angeht, ist es besser, ein wenig zuviel Aufgaben als zuwenig Aufgaben bereit zu stellen. Wichtig ist, dass die Schüler ihren Rhythmus beibehalten, zum Beispiel vier Stunden am Vormittag lernen.

Die Zeit muss sinnvoll genutzt werden. Viele Aufgaben sind selbsterklärend, aber sicher auch für die Eltern eine Herausforderung. Daher ist der persönliche Kontakt zu den Schülern auch sehr wichtig, wir müssen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wie es nach den Ferien weitergeht, wird sich zeigen. Es gibt mehrere Szenarien, wir sind auf alles vorbereitet.“

https://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis/markdorf/homeschooling-von-serverueberlastungen-und-untergetauchten-schuelern-vier-markdorfer-lehrer-berichten-von-ihren-erfahrungen;art372484,10486149

2020-04-05

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